

Wissenschaft und Spiritualität – zwei gegensätzliche Begriffe mit hohem Konfliktpotenzial – sind auch zwei verschiedene Wege, die zu Wahrheit und Erkenntnis führen können. Beide stellen existenzielle und lebendige Zugangsmöglichkeiten zum Gipfel der Erkenntnis dar, die jedoch mühsam zu beschreiten sind, vergleichbar mit der Besteigung des Matterhorns. Unsere Menschenwürde und die Verpflichtung uns selbst und anderen gegenüber verlangt von uns, diese Herausforderung zu bewältigen, um den Gipfel zu erreichen.
Selbstverständlich gibt es noch weitere Pfade auf dem Weg der Wahrheitssuche – die von Dichtung und Musik. Poesie, Musik, Wissenschaft und Glaube sind sich ergänzende Wege zur Erkenntnis.
Ich sehe mich selbst in meiner Eigenschaft als «Wahrheitssuchender» sowohl als Wissenschaftler als auch als Christ, untrennbar in ein und derselben Person. Es ist nicht möglich, fünf Tage der Woche Wissenschaftler und die restlichen Tage Christ zu sein. In meiner Person bedingt das eine das andere und macht es erst möglich. So hat eine soziologische Untersuchung in den USA bestätigt, dass die Mehrzahl amerikanischer Physiker an Gott glaubt.
Seit meiner Jugend ist mein Glaube tief in mir verwurzelt. Ich bin überzeugter und bekennender Christ und engagierte mich im Führungsbereich mehrerer christlicher Kirchen.
Aber auch die Wissenschaft hat mich von Jugend an beschäftigt, fasziniert und nicht mehr losgelassen, sondern mich mein Leben lang begleitet.
Während meiner Tätigkeit beim Schweizerischen Nationalfonds, in der Forschung und strategischen Leitung und bei der Betreuung zahlreicher Doktorarbeiten, bei Begegnungen mit großen Wissenschaftlern und beim Austausch mit Studenten wurde mir bewusst, dass eine Steigerung der Macht des Menschen über die Natur, die mit einer Verminderung des menschlichen Gewissens einhergeht, zwangsläufig zur Katastrophe führen muss.
Während der ganzen Zeit meiner aktiven Tätigkeit als Wissenschaftler habe ich die Wissenschaft nie als absolut betrachtet und sie nie zur Religion erhoben, wie das noch im vergangenen Jahrhundert praktiziert wurde.
Die Wissenschaft ist lediglich ein Mittel, um auf dem Weg der Erkenntnis voranzukommen, kein Selbstzweck und keine eingefleischte Wahrheit. Sie trägt nur dazu bei, den Drang des Menschen nach Wissen und Erkenntnis zu stillen.
Dabei war es ebenso falsch, dass die ersten Gehversuche der Wissenschaft von den christlichen Kirchen als Gotteslästerung bezeichnet wurden wie auch die moderne, vielfach blinde Wissenschaftsgläubigkeit eher Schaden anrichtet. Sie erhebt die objektive Wissenschaft zum Dogma und setzt Religion und Glaube gleich mit der Dunkelheit der Lüge, des Irrtums und der Weltfremdheit. Dies ist eine extreme Wissenschaftshörigkeit, die die Aussagen der Wissenschaft pervertiert. Was wir brauchen, ist vielmehr ein enges und fruchtbares Nebeneinander von beidem, eine gegenseitige Ergänzung und Bereicherung von Wissenschaft und Religion auf dem Weg zur Wahrheit.
Die richtig interpretierte Bibel erhellt unser Weltverständnis. Wird die Bibel so aufgefasst, wie auch ich sie verstehe, erwartet sie viel von uns Menschen und fordert uns dazu heraus, unsere Intelligenz und Vorstellungskraft zum Verständnis der Welt zu nutzen.
Es ist kein Zufall, dass die Universität Lausanne wie viele andere zunächst als Schule für Seelsorgerausbildung geschaffen worden war und später erst eine theologische und in der Folge alle weiteren Fakultäten inklusive der Technischen Hochschule daraus entstanden sind. Es ist ebenfalls kein Zufall, dass seit einem Jahrhundert die meisten Nobelpreisträger für Physik und Chemie ihre wissenschaftliche Karriere in Ländern mit jüdisch-christlicher Tradition durchlaufen haben. Es scheint, als ob die Wissenschaft ihre Blüte am besten auf dem Boden der den Menschen von Gott geschenkten Freiheit entwickeln könne.
Der wissenschaftliche Fortschritt ist weder dem Zufallsprinzip noch der Notwendigkeit spontaner Einsicht zu verdanken, sondern es war das Vorhandensein einer grundlegenden Kultur dazu nötig. Nur auf dem Fundament der durch tiefen christlichen Glauben geprägten europäischen Kultur konnte sie sich zu dem entwickeln, was sie heute ist. Nicht von ungefähr konnten sich Wissenschaft und Forschung im freiheitlichen Klima christlicher Zivilisation am besten entfalten.
Genau wie jedes Individuum nicht in einen spirituellen und einen wissenschaftlichen Teil aufgespalten werden kann, ist es nicht möglich, Zivilisation und Wissenschaft klar zu trennen. Die Wissenschaft darf sich nicht als Institution aufspielen, die nur sich selbst zur Rechenschaft verpflichtet ist, sondern sie ist eng mit der Kultur und der Zivilisation verknüpft. Jeder Versuch, Spiritualität und Wissenschaft in einer Gesellschaft zu isolieren, ist daher zum Scheitern verurteilt.
Es genügt, in diesem Zusammenhang auf die weltweit gravierenden Reaktionen auf die Gentechnik im Allgemeinen, die Genetik und das Klonen im Besonderen sowie die Atomtechnik hinzuweisen. Keine Gesellschaft, auch jene mit der größten wissenschaftlichen Entwicklung nicht, kann zulassen, dass ihr geistiges Gleichgewicht und ihre innere Logik durch Menschen gefährdet werden, die moralische, ethische und spirituelle Verantwortung leugnen.
Denn die Berechtigung der Wissenschaft und damit langfristig ihre Lebenskraft würden unweigerlich dadurch vernichtet werden, dass die spirituellen, moralischen und ethischen Grundlagen einer Gesellschaft nicht gefestigt sind.
Man kann sagen, dass eine Gesellschaft, welche einseitige Wissenschaftsgläubigkeit vor die absolut notwendige Einheit zwischen Wissenschaft und Spiritualität stellt, sich als «Zauberlehrling» gebärdet und damit unausweichlich ihrem Zerfall und der Katastrophe entgegen strebt.
Wir können uns in der heutigen Zeit keine gespaltene Gesellschaft nach dem Motto: «Glaube hier – Wissenschaft dort» mehr leisten. Glaube und Wissenschaft sind Schwestern. Wenn es uns nicht gelingt, sie in unserer Gesellschaft wieder zu vereinen, werden wir jeglichen Einfluss auf die anders zivilisierten Völker, vor allem aber auf unsere eigenen Jugendlichen verlieren.
Um die Menschheit in dieser schwierig gewordenen Welt erhalten zu können, bedarf es all unserer wissenschaftlichen, spirituellen, intellektuellen und künstlerischen Kraftquellen, die wir zusammenlegen und intensiv gemeinsam nutzen müssen.
Es gilt, mit Mut und Entschlossenheit Brücken zu bauen zwischen Glaube und Wissenschaft, um diese beiden zu vereinen und zu integrieren. Wir haben keine andere Wahl: Tiefer Glaube, starke künstlerische Gestaltung und fruchtbare Wissenschaft müssen in persönlicher und gesellschaftlicher Einheit verbunden sein. Diese Herausforderung müssen wir annehmen, weil es für unser Überleben und die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder unerlässlich ist, auch wenn es sicher nicht leicht zu verwirklichen sein wird.
Wenn ich in den Weltraum reisen könnte, würde ich nur eine Bibel mitnehmen. Nicht allein ihrer Weisheit, sondern ihrer wohlwollenden und aufbauenden Spiritualität wegen.
Die Menschheit und die Erde nähern sich Krisen, die die Wissenschaft alleine nicht lösen kann. Wir können uns weder das Fehlen Gottes noch den Tod der Wissenschaft erlauben. Wir brauchen all unsere wissenschaftliche und spirituelle Intelligenz um wissen, leben und erkennen zu können. Und wir brauchen die strahlende Kraft der Liebe, die Gnade Gottes.
Wir sind die Hüter der Erde – nehmen wir die Verantwortung dafür an!

CH-Lausanne
Ehem. Präsident der Eidg. Technischen Hochschule Lausanne (ETHL), Ehem. Präsident der Schweiz. Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW), Ehem. Mitglied im Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds (FNS)